Neues aus London

1400 Jugendliche wurden vergewaltigt. Der Stadtrat von Rotherham ist jetzt zurückgetreten

08.02.2015

Es ist ein Skandal von unglaublichem Ausmaß: Mindestens 1400 Jugendliche wurden in den vergangenen 16 Jahren im nordenglischen Rotherham regelmäßig vergewaltigt – Polizisten und Sozialarbeiter wussten davon, aber unternahmen so gut wie nichts dagegen. In den Medien gab es in den letzten Jahren immer wieder Berichte darüber, aber das ganze Ausmaß des Missbrauchs ist jetzt erst durch einen Untersuchungsbericht bekannt geworden. Ein Polizist und zwei Stadtpolitiker stehen unter dem Verdacht, selbst Mädchen vergewaltigt zu haben.


Der Report war kaum veröffentlicht, da überschlugen sich letzte Woche die Ereignisse. Der so heftig kritisierte Stadtrat von Rotherham trat geschlossen zurück. Und im Unterhaus in London verkündete der für kommunale Aufgaben zuständige Minister Eric Pickles. Rotherham werde ab sofort unter Zwangsverwaltung gestellt: „Der gesamte Stadtrat hat miserabel gearbeitet. Es gibt dort eine durchdringende Kultur von Mobbing, Sexismus, Unterdrückung und fehlgeleiteter politischer Korrektheit, die das Versagen der Stadtverwaltung zementiert hat.“ Rotherham wird jetzt von Beamten aus London verwaltet.

 

Die meisten Opfer waren englische Mädchen aus ärmeren Familien, die Mehrzahl der Täter Männer pakistanischer Abstammung. „Die Opfer wurden entführt, geschlagen und eingeschüchtert. Die Kinder wurden mit Benzin übergossen und ihnen wurde gedroht, sie anzuzünden. Sie mussten sich grausame Vergewaltigungen ansehen, Ihnen wurde gedroht, als Nächste dran zu sein. Bereits 11-jährige wurden von einer großen Zahl von Männern vergewaltigt“, sagte die Autorin des Berichts, Sozialforscherin Alexis Jay. Es habe immer wieder Anzeigen gegeben – meist ohne Folgen, die Berichte seien ignoriert oder zurückgehalten worden. Fünf Täter kamen 2010 ins Gefängnis, aber andere machten einfach weiter. Jay warf den Behörden vor, den Mädchen nicht geholfen zu haben, „weil es Vorurteile gegen arme Familien gab“. Zeugen, die auf Asiaten als mutmaßliche Täter hinwiesen, seien als Rassisten abqualifiziert worden.

Die Schuld den Opfern zugeschoben


Auch die Journalistin Sue Reid von der Boulevardzeitung Daily Mail berichtete, dass sie als Rassistin beschimpft wurde, weil sie über die Vergewaltigungen durch asiatische Männer geschrieben hatte.  Es ist entsetzlich, dass jahrelang über tausend Jugendliche missbraucht wurden und Polizei und Sozialarbeiter die Täter aus falsch verstandener Political Correctness gewähren ließen – und die Schuld zum Teil den Opfern zuschoben.

Finden systematische Vergewaltigungen wie in Rotherham auch anderswo statt? Mit Sicherheit. Alexis Jay geht jedenfalls davon aus, dass der Missbrauch Minderjähriger durch erwachsene Männer weit verbreitet ist. Es ist ein perfides System, das dahinter steckt: Auf ähnliche Art und Weise machen sich Zuhälter auf der ganzen Welt Mädchen gefügig: Sie umgarnen sie, machen ihnen Geschenke, erzählen ihnen, dass sie sie lieben, verteilen Drogen und Alkohol. Oft halten die Mädchen den Zuhälter für ihren Freund und lieben ihn auch dann noch, wenn er sie schlägt und ihnen das Geld abnimmt. Im Kultwerk West in Hamburg erzählte vor einigen Jahren eine ehemalige Prostituierte, dass es ihr und vielen Leidensgenossinnen genauso ergangen sei.

Eines der Opfer aus Rotherham berichtete in der BBC: „Ich habe sie für meine Freunde gehalten – bis zu der Nacht, als der Anführer mich vor einer Reihe anderer Personen brutal vergewaltigt hat. Von da an wurde ich einmal pro Woche vergewaltigt, und jeder, der dafür bezahlte, konnte Sex mit mir haben.“ Das 13-jährige Mädchen ging zur Polizei, brachte ihre Kleider als Beweisstücke mit. Die Kleider gingen auf der Wache verloren und die Polizei sagte, sie könne sie nicht beschützen. Anderen Opfern glaubten die Polizisten nicht, weil die Mädchen betrunken waren, oft warfen sie ihnen vor, die Vergewaltiger provoziert zu haben – diese Argumentation kennen wir aus vielen deutschen Vergewaltigungsprozessen. Mütter berichteten in der BBC, sie hätten versucht, ihre Töchter nachts einzusperren, um sie vor ihren Peinigern zu schützen. Daraufhin hätten die Männer sämtliche Familienangehörige bedroht.

Zerstörte Leben


Fest steht, dass die jahrelangen Vergewaltigungen das Leben vieler Mädchen zerstört haben. Eine junge Frau sagte: „Diese Verbrechen haben mich kaputt gemacht, ich werde diese Taten nie vergessen. Dass sie jetzt ans Licht kommen, ändert nichts mehr. Diese Verbrechen hätten gestoppt und verhindert werden müssen.“ Ein anderes Mädchen erzählte, sie dachte, es gehöre zum Erwachsenwerden dazu, regelmäßig vergewaltigt zu werden.

 

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Tina Stadlmayer / Diplom-JournalistinTina Stadlmayer RSS Feed Tina Stadlmayer auf Twitter

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