Max-B

Ein außergewöhnliches Wohnbauprojekt in Hamburg Lempp, Ingrid Hg., Stadlmayer, Tina Hg.
Junius Verlag, Hamburg (2010)
Broschiert: 127 Seiten, ca. 150 Farb- und s/w-Abb.
24 x 29,7 cm, 19.90 €
ISBN 978-3-88506-465-7

Das Wohnbauprojekt Max-B in Hamburg-Altona umfasst neun individuell geschnittene Häuser, die sich um drei gemeinschaftlich genutzte Innenhöfe gruppieren. In den 105 Miet- und Eigentumswohnungen leben 230 Menschen, zwei soziale Projekte - ein Haus für psychisch Kranke und eines für behinderte Menschen - sind in die Gemeinschaft integriert. In diesem Buch berichtet die Architektin Iris Neitmann von der Aufgabe, kostengünstig schöne und familienfreundliche Wohnungen zu bauen, und die Bewohnerinnen und Bewohner erzählen von den Vor- und Nachteilen des gemeinschaftlichen Wohnens.

Die reichhaltige Bebilderung des Bandes gibt einen Einblick in das Leben hinter den leuchtend roten Fassaden an der Max-Brauer-Allee. Im zweiten Teil des Buches erörtern Experten das gemeinschaftliche Wohnen als zukunftsgerechte Lebensweise.


DAS VERSTECKTE PARADIES

Es ist keine schöne Ecke. Lastwagen donnern auf der vierspurigen Stresemannstraße Richtung Autobahn. Die viel befahrene Max-Brauer-Allee heißt zwar Allee – aber es wachsen hier nur wenige Bäume. Zu allem Überfluss rattern auf der Sternbrücke S-Bahn-, Güter- und Intercity-Züge von West nach Ost und umgekehrt. Unter der Gleis-brücke sind überall Graffiti, halb abgerissene Plakate, Ruß und Schmutz.

Wer aber einige Meter weiter durch die Toreinfahrt an der Max-Brauer-Allee 231-240 den Innenhof betritt, kommt in ein kleines Paradies: gewundene Wege, grüner Rasen, Blumen, Hecken, spielende Kinder und gemütlich beisammensitzende Leute. Dies ist das Wohn-projekt Max-B: Neun individuell geschnittene Häuser gruppieren sich um drei gemeinschaftlich genutzte Innenhöfe. In den 105 Miet- und Eigentumswohnungen leben momentan ca. 230 Menschen, junge und alte, behinderte und nicht-behinderte – sie wohnen alleine, in Wohngemeinschaften oder Familien. Es gibt Praxen, Büros, ein Café und Hausgemeinschaftsräume.

Max-B, das sind die Häuser mit den leuchtend roten Fassaden an der Max-Brauer-Allee.

Und was passiert hier?

An diesem sonnigen Septembernachmittag ist besonders viel los. Max-B feiert ein Sommerfest. Kinder und einige Behinderte haben einen kleinen Flohmarkt organisiert und verkaufen Klamotten, Bücher und Puzzles. Die Türen zum Gemeinschaftsraum von Haus 1 stehen auf. Drinnen gibt es Kaffee und Tee, Bananen-, Butter- und Schokokuchen. Die Bewohner sitzen gemütlich an den aufgestellten Biertischen und unterhalten sich. In der Sandkiste buddeln Jungs in kurzen Hosen. Drei Mädchen tragen zur Feier des Tages schicke Sommerkleidchen, haben ihre Schuhe aber längst abgestreift und laufen barfuß herum. Das Wärmeempfinden ist im Herbst sehr unterschiedlich: Die auf den Holzstämmen am Rande der Sandkiste sitzenden Mütter und Väter sind in dicke Jacken gehüllt – immer wieder krabbeln Kinder auf ihren Schoß, um sich ein paar Streicheleinheiten abzuholen und sich dann wieder ins Getümmel zu stürzen.

Am Kicker, der auf dem Rasen steht, spielen zwei Väter gegen einen Jungen und ein Mädchen. Es steht 3: 6. Im nächsten Innenhof hält ein Kind einen Becher unter die Wasserpumpe. Es ist zu klein, um den Hebel zu bedienen. Ein großer Junge erkennt das Problem und hilft. Vor einem großen Spiegel sitzt eine junge Frau und verwandelt ein kleines Mädchen mit Schminke in eine Katze.

Andere Kinder warten geduldig darauf, dass sie auch drankommen. In Haus 6 werden Masken gebastelt. Jan spielt auf seiner Gitarre, Kinder wie Erwachsene singen „10 kleine Indianer …“, „Alles Banane“ und andere lustige Lieder. Die Erwachsenen freuen sich an den Purzel-bäumen und anderen Kapriolen, die die Kinder auf einer Matratze, die sie Zirkuszelt nennen, veranstalten.

Gegen 17 Uhr verschwindet die Sonne und es wird kühl. Die Balkone in den oberen Stockwerken glänzen noch im Licht.

Ingrid Lempp, eine der Bewohnerinnen, begrüßt alle Gäste und setzt zu einer Hommage an: „Diese moderne, zukunftsgerichtete Wohngemeinschaft verdanken wir unserer Architektin Iris Neitmann, ihrem Konzept des ‚Miteinander-Entwickelns‘ und ihrer einfühlsamen, licht-durchfluteten Architektur. Die Umgebung spielt eine große Rolle dafür, ob man sich wohlfühlt.“ Applaus. Iris Neitmann steht ganz hinten und freut sich über das Lob.

Ingrid Lempp zählt auf, was im vergangenen Jahr alles passiert ist: Zwei Bewohner haben eine Food-Coop gegründet, die frische Bio-Produkte direkt vom Bauernhof an die Bewohner liefert. Eine Yoga-Gruppe ist entstanden, ein Töpferkurs wird angeboten, eine Gartenliebhaberin hat eine Kompostanlage aufgebaut und eine Bewohnerin hat die Arbeitsgemeinschaft „AGleise“ gegründet. Sie suchen nach Wegen, den Lärm von Straße und Bahn einzudämmen. In Zukunft sollen weitere Aktivitäten dazukommen: Bastelstunden mit den Kindern in einem noch zu schaffenden Werkraum, gemeinsame Gartenpflege, ein Kräutergarten.

„Letztes Jahr stand das Fest noch unter dem Motto ‚Einander kennenlernen‘, heute heißt es ,Gemeinsam feiern!‘“, ruft Ingrid Lempp und alle Gäste verstehen die Aufforderung. Die Künstlerin Regy Clasen setzt sich ans Keyboard und singt: „Ich liebe dich immer noch“. Ein junger Mann, der in Haus4 wohnt, stemmt sich aus dem Rollstuhl, bewegt sich im Rhythmus des Liedes und lacht.

DIE LEUTE ZEIGEN SICH TREFFEN SICH – UND ES PASSIERT ETWAS

Die Architektin Iris Neitmann hat nicht nur die Pläne für das Bauprojekt Max-B entworfen. Sie hat auch ein geeignetes Grundstück ausfindig gemacht und geholfen, einige der Baugemeinschaften zu gründen. Gemeinsam mit anderen hat sie den Bau betreut und wird heute noch als Moderatorin zwischen dem Bauunternehmer und den Hausgemeinschaften gebraucht. Ihr helles, freundliches Büro befindet sich im dritten Stock eines Hauses inmitten des Wohnprojekts.

Die kleine quirlige Frau mit den lustigen Locken strahlt eine natürliche Autorität aus. Mit ihren Mitarbeitern geht sie kollegial und freundlich um – sie ist aber sehr durchsetzungsfähig, wenn es um ihre eigenen Vorstellungen und die Interessen ihrer Kunden geht.

Iris Neitmann wurde 1956 in Bielefeld geboren und ist in Westfalen aufgewachsen. Sie studierte Architektur an der Fachhochschule Hamburg und arbeitete danach als angestellte Architektin.

Auf der Suche nach neuen Wegen in der Architektur ergänzte sie ihre Ausbildung durch ein berufsbegleitendes Aufbaustudium an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg.

Dort entwickelte sie ihre Begeisterung für Bauprojekte, die mit Beteiligung der künftigen BewohnerInnen entstehen. Das erste Wohnprojekt, das sie als selbstständige Architektin realisierte, war die Anlage „Dorf im Dorf“ in Hamburg-Rahlstedt: Dort baute sie gemeinsam mit einer Initiativgruppe des Vereins „Wohngemeinschaft Jung und Alt“ einen alten Hof für zehn Familien um. Später entwickelte sie zusammen mit demselben Verein sowie mit vielen weiteren Beteiligten an den Zeisewiesen in Hamburg-Altona 17 Hausgemeinschaften mit Miet- und Eigentumswohnungen.

Warum sind Sie Architektin geworden?

In der Schule waren meine Lieblingsfächer Kunst, Sport und Mathematik. Architektur ist für mich die Verbindung von Kunst, Bewegung und Mathematik.

Warum haben Sie nach Ihrer Ausbildung als Architektin an der Fachhochschule Hamburg noch eine zweite Ausbildung an der Kunsthochschule gemacht?

Die Hochschule für Bildende Künste hat einen Studiengang Architektur, der eine starke Verbindung zu den Künstlern bietet. Beim Studium an der Fachhochschule fehlten mir Analysen und Hintergründe. Ich habe gelernt, wie ich ein Haus baue, aber es wurde nicht erklärt, warum ich ein Haus gerade so oder vielleicht anders baue und finanziere. An der Kunsthochschule belegte ich zu Beginn Fächer wie „Analyse gebauter Umwelt“ und „Architekturtheorie“.

Über die Kunsthochschule bin ich zu meinem heutigen Thema gekommen: kostengünstiges bewohnerInnenorientiertes Planen und Bauen, Menschen mit geringerem und mittlerem Einkommen zu einer angemessenen, selbst mitgestalteten Wohnung verhelfen. Ich hatte ein Studienprojekt bearbeitet zu den Themen „Bauen für mehrere Generationen“ und „Bewohnerbeteiligung“. Wir mussten bei diesem Projekt in Zusammenarbeit mit einem niederländischen Unternehmer erarbeiten, was das Quartier kosten würde. Dabei habe ich erfahren, dass BewohnerInnenbeteilung in den Niederlanden üblich ist.

Welche Ziele haben Sie als Architektin und warum arbeiten Sie mit Baugemeinschaften zusammen?

Mein Ziel ist es, Häuser zu bauen, in denen sich die Menschen wohlfühlen. Ich war nicht zufrieden mit der Arbeit für sogenannte „Bauherrenmodelle“, d. h. Steuersparmodelle für Investoren, die selbst nie in ihren Häusern wohnen werden. Dort wird oft nur unter dem Kostenaspekt gebaut und die Ergebnisse sind nach meiner Erfahrung nicht von geeigneter Qualität, ja manchmal menschenfeindlich. Baugemeinschaftsprojekte zeichnet es aus, dass die künftigen BewohnerInnen von Anfang an mitbestimmen. Das ist mühsam, aber es lohnt sich.

Was macht die Besonderheit Ihrer Häuser aus und wie haben Sie Ihren Stil entwickelt?

Ich bin kein besonderer Fan der Bauhaus-Architektur, jedenfalls nicht als Dogma. Früher war ich viel in Kleinstädten in Mittelitalien und Nordspanien auf Reisen. Ich fand die einfache, traditionelle Architektur dort sehr schön. Die Häuser haben schmale hohe Fenster, denn die sind einfacher zu bauen als große breite. Das Dach ist flach geneigt mit einem großen Dachüberstand, der die Fassade schützt. Daneben gibt es Erker, um Sonnenlicht auch von der Seite zu bekommen. So kann man vor die Fassade treten, obwohl man eigentlich noch drinnen ist. Ich habe diese Vorbilder ergänzt mit einem Balkon, der vom Erkerzimmer aus zu erreichen ist. Ich baue einfache Gebäude, die statisch unkompliziert sind und tragende gemauerte Wände haben. Meine Räume haben klare, definierte Bewegungs- und Ruheflächen, aber nicht unbedingt Neunzig-Grad-Winkel. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Vertrautheit in der Nachbarschaft – dass sich die Nachbarn kennen, dass man sich freut, wenn die Nachbarn Kinder bekommen. Wenn es mir als Architektin gelingt, dieses Miteinander zu fördern, freue ich mich darüber.

Wie fördern Sie als Architektin das nachbarschaftliche Wohnen?

Es ist günstig, wenn sich die Leute im Zuge der Planung und des Bauens kennenlernen, wenn sie gemeinsam für das Haus Verantwortung übernehmen. Wichtig sind ein Treppenhaus, in dem man sich treffen kann, ein Gemeinschaftsraum, durch den man in den Garten kommt, schließlich ein geeigneter Garten oder sogar Innenhof, in dem sich alle aufhalten mögen.

Warum bauen Sie die meisten Räume schiefwinklig?

In manchen städtischen Innenhöfen muss man die Wände schiefwinklig machen: Wenn man die Räume gleichberechtigt auf den Innenhof und zur Sonne hin orientieren will, fächern sie sich auf. Schiefwinkligkeit ist bei mir immer begründet durch schönere Aussicht, mehr Sonne oder weniger Lärmeintrag. Übrigens ist Schiefwinkligkeit sehr günstig für die Akustik der Innen- und Außenräume.

Welche Vorteile haben Wohnküchen?

Durch das Zusammenlegen von Küche und Wohnraum entsteht ein wirklich großer Raum. Die meisten Bewohner wünschen sich das. Wenn sie möchten, können sie natürlich eine Küche als getrennten Raum bekommen. Wichtig ist mir: Die Wohnung soll großzügig wirken und viele Aus- und Durchblicke ermöglichen. Man soll sich an keiner Stelle eingesperrt vorkommen.

Wie gestalten Sie Spielflächen?

Ich habe mich schon während des Studiums mit dem Thema „Kinder und Spielen“ beschäftigt: Wie spielen Kinder? Was machen sie gerne? Was fördert ihre Entwicklung? Kinder wollen nicht an einem Gerät spielen, das eine vorgegebene Wackelbewegung ermöglicht, das wird schnell langweilig. Kinder lieben Sand und Wasser. Damit können sie selbst etwas gestalten, immer wieder neu. Kinder benötigen für viele Spiele einfach ausreichend große, befestigte Flächen ohne Autos.

Warum spielen die Außenanlagen solch eine wichtige Rolle für ein Wohnprojekt?

Piazza und Grünanlagen sind wunderbare Orte. Auf der italienischen Piazza finden Aufführungen statt und das ist hier auch so. Das Stück heißt: Die Leute zeigen sich, treffen sich und es passiert etwas. Und die Balkone sind ein bisschen Zuschauertribüne. Ich könnte stundenlang den Leuten und den Kindern zuschauen: wie die Kinder hier Fahrrad fahren lernen, wie sie spielen, wie sie streiten. Wer diese Art des Zusammenlebens mag, wird in einem Baugemeinschaftsprojekt glücklich. Wichtig ist, dass die Außenanlage vom Straßenverkehr abgeschirmt ist, dass die Akustik stimmt, dass die Häuser ausreichend filigran gestaltet sind und eine Kommunikation zwischen dem Innen- und dem Außenraum möglich ist. In den 60er Jahren wurden „tote“ Keller über Gelände mit Müllräumen und anderen Nebenräumen gebaut, erhöht gelegene Erdgeschosswohnungen mit Balkonen statt Gärten. Heute haben wir begehrte Erdgeschosswohnungen mit Terrassen und Zugang zum Gemeinschaftsgarten. Die Leute, die im Erdgeschoss wohnen, sind meistens auch die kommunikativsten.

Wie muss schöner Wohnraum gestaltet sein, damit er bezahlbar bleibt?

Es ist wichtig, dass der umbaute Raum zu nutzbarer Fläche wird und keine unnötigen Leerräume entstehen. Der geizige Umgang mit Fluren und Treppenhäusern ist ein Schlüssel, desgleichen ein frühzeitiges statisches Konzept, tragende Wände aus Mauerwerk, wenig Stahlbeton. Ein großes Bauprojekt wie Max-B führt zu geringeren Baukosten als ein kleines. Als Architektin lege ich großen Wert auf gut durchgeplante Fensterteilung und schöne Proportionen. Man kann mit einfachen Mitteln sehr viel machen. In den Bädern sind keine teuren, aber schön geschnittene Fliesen. Wir haben Wahlmöglichkeiten bei der Innenausstattung vorgesehen, aber doch begrenzt, um den Etat bei der Innenausstattung niedrig zu halten.

Was bedeutet für Sie ökologisches Bauen und Wohnen?

Eine wichtige Rolle spielt das möglichst autofreie Wohnen, für mich ist das ebenso wichtig wie die Wärmedämmung. In den Stadtrandsiedlungen haben viele Familien zwei und mehr Autos. In einem Projekt wie diesem hat nur jede zweite Familie ein Auto. Natürlich haben wir auch umweltfreundliche Baustoffe und Bautechniken verwendet, also möglichst kein PVC, nur Holz aus zertifizierter Forstwirtschaft, kontrollierte Belüftung, Dämmung.

Welches sind die Vorteile des innerstädtischen Wohnens?

Ein wichtiger Punkt ist die Zeitersparnis durch die kurzen Wege. Für Familien, in denen beide Eltern berufstätig sind, ist Zeit ein kostbares Gut. Jede Minute, die sie nicht für Wege verschwenden, ist gewonnenes Leben. Deshalb ist die Nachfrage von Familien nach innerstädtischen Wohnprojekten heute so groß. Allerdings ist wichtig, dass es einen ruhigen, grünen Innenhof gibt. Die Leute wünschen sich eine Wohnanlage mit netter Nachbarschaft und sie wollen sich mit dem Wohnprojekt identifizieren können. Das Wohnen am Stadtrand ist übrigens nicht unbedingt günstiger, weil die langen Wege mit Auto oder öffentlichen Verkehrsmitteln viel Geld kosten.

Warum sind Baugemeinschaften für die Schaffung innerstädtischen Wohnraums wichtig?

Baugemeinschaftsprojekte setzen gute Organisationsfähigkeit der Beteiligten und eine lange Planungsphase voraus. Deshalb kommt diese Organisationsform nur für bestimmte Projekte infrage. Baugemeinschaften sind aber Vorreiter für viele Entwicklungen. Sie haben schon in den 80er Jahren qualitativ hochwertige und günstige Wohnungen gebaut, die ein nachbarschaftliches Miteinander ermöglichen. Die großen Bauträger haben dieses Konzept inzwischen zum Teil übernommen. Sie kümmern sich jetzt auch um die Kommunikation zwischen ihren Mietern, um die Freiflächen und um das Wohnumfeld.

Warum gibt es nicht mehr Baugemeinschaftsprojekte in Hamburg?

Es ist schwierig, ein geeignetes Grundstück zu bekommen, das nicht zu teuer ist. In Höchstgebotsverfahren hat eine Baugemeinschaft keine Chance. Es muss also ein Grundstück sein, das nach inhaltlichen Konzepten vergeben wird. Die Leute für die Baugemeinschaft zu finden und zu motivieren ist im Vergleich dazu – zumindest für meine bisherigen Projekte – einfach. In Hamburg gibt es inzwischen auch politische Beschlüsse, einen bestimmten Prozentsatz der Grundstücke für Baugemeinschaften zur Verfügung zu stellen. Nach meinem Eindruck wird bisher die Erfahrung, die es in diesem Bereich seit vielen Jahren gibt, zu wenig eingebunden.

Warum haben Sie Ihr Büro im Wohnprojekt Max-B?

Für mich war es naheliegend zu sagen: Wenn ich ein neues Büro brauche, baue ich es mir selbst. Hier hat sich die Gelegenheit dazu geboten.

Wenn Sie aus dem Fenster schauen, sind Sie dann zufrieden mit dem Ergebnis Ihrer Arbeit?

Wenn ich sehe, wie die Leute auf den Bänken im Innenhof sitzen, wie sie sich dort treffen, plaudern und wie die Kinder spielen und toben, dann weiß ich, dass die Anlage angenommen wird. Das trifft auch für die Gemeinschaftsräume zu. Die meisten Hausgemeinschaften verstehen sich prima.

Worüber sind Sie nicht glücklich?

Während der Bauphase haben sich immer wieder Mieter oder Eigentümer gegenüber meinen MitarbeiterInnen im Ton vergriffen. Die stressigste Zeit war die, als alle einziehen wollten und es noch nicht ganz fertig war. Da mussten wir viel Druck aushalten.

Was haben Sie aus dem Projekt Max-B gelernt?

Zunächst fühlte ich mich vor allem als Entwicklerin und Architektin. Bald entwickelte ich mich jedoch auch zur Moderatorin des ganzen Projekts. Ich habe die meisten Sitzungen vorbereitet und bald bemerkt, dass selbst bei sehr vielen, überwiegend nicht professionellen Beteiligten Entscheidungsprozesse gut ablaufen, wenn die Grundlagen gut für alle vorbereitet sind. Ich musste lernen, bei allzu individuellen Wünschen „Nein“ zu sagen, Angriffe von Einzelnen auszuhalten und das Ganze im Auge zu behalten.

Welches ist ihr nächstes Projekt?

Zurzeit entstehen vier Häuser in der Hafencity mit 54 Wohnungen und neun Gewerbeeinheiten, die wir für die Baugemeinschaft „Hafenliebe“ entwickelt und geplant haben. Das Projekt basiert auf den Erfahrungen aller bisherigen Projekte, entwickelt aber auch ganz neue Aspekte.

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Interviews – Tina StadlmayerEva und Martin Pawlas wohnen mit ihren 4 Kindern in Haus 1 Eva und Martin Pawlas mit Bela (2), Stella (6), Luna (9)und Kolja (11)1

Mitten im Raum hängt eine Schaukel, auf der Raja herumturnt. Sie wohnt im selben Haus und ist gerade bei ihrer Freundin Luna zu Besuch. Kolja steht am Herd und kocht Spaghetti mit Soße für alle. Yogalehrerin Eva Pawlas sitzt mit ihrem quengelnden Jüngsten auf dem Schoß am Tisch und behält trotz des Kinderchaos die Ruhe: „Das ist einfach klasse hier im Wohnprojekt. Wir kennen uns alle und helfen uns gegenseitig.“ Sie erzählt, Stella hatte zum Beispiel einen Fahrradunfall vor der Haustüre. Natürlich haben die Nachbarn sofort geholfen. Eva und Martin Pawlas wohnen in ihrer selbst geplanten 5-Zimmer-Wohnung zur Miete. In ihrem Haus gibt es weitere Familien-Wohnungen und andere, die auf Senioren zugeschnitten sind. Das Zusammenleben von „Alt und Jung“ funktioniere prima, erzählen die beiden.

Eva Pawlas arbeitet vormittags als Krankenschwester und Yogalehrerin.

Eva Pawlas organisiert außerdem die Food-Coop für das Wohnbauprojekt Max-B: „Der Kattendorfer Hof liefert uns jede Woche Milch, Quark, Joghurt, Käse, Fleisch, Wurst und Biogemüse. Wir bewahren alles im Kühlraum im Keller auf, und jede Familie, die bei der Food-Coop mitmacht, nimmt sich, was sie braucht. Dafür zahlt sie pro Monat einen bestimmen Betrag.“ Das funktioniert, niemand nimmt mehr, als ihm zusteht. Jeden Samstag kommt die neue Lieferung und am Freitag ist das meiste aufgebraucht.

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Interviews – Tina Stadlmayer

 Gerda Blaschke und Kordula Botta wohnen in Haus 5

 GERDA BLASCHKE, LEHRERIN
 „Ich liebe den Blick in den Himmel“, schwärmt Gerda Blaschke: „Wenn ich auf dem Sofa sitze, kann ich abends zuschauen, wie der Himmel erst rot und dann dunkel wird. Das ist wunderbar.“ Die pensionierte Lehrerin erfuhr im Jahr 2002 vom Wohnbauprojekt Max-B: „Innerhalb einer Woche habe ich entschieden, dass ich hier eine Wohnung kaufen werde.“ Vier Jahre später war Haus 5 fertig und sie zog gemeinsam mit ihren fast erwachsenen Töchtern ein.

Gerda Blaschke hat es nicht bereut. Wenn sie in ihrer hellen Wohnküche im 3. Stock sitzt, kann sie auf der einen Seite zur Straße hinausschauen, auf der anderen Seite in den Innenhof.

Doch am meisten freut sie sich über die gute Haus-gemeinschaft. „Durch einen glücklichen Zufall gibt es hier viele Berufe und viele unterschiedliche Talente. Jeder bringt ein, was er gut kann.“ Die Bewohner von Haus 5 laden sich gegenseitig zum Geburtstag ein und trinken öfter mal ein Bier zusammen. Der Nachbar hilft Frau Blaschke, wenn sie Probleme mit ihrem Computer hat, und alle vier Wochen trifft sich die Gemeinschaft im Gemeinschaftsraum. „Da werden nicht nur organisatorische Dinge rund ums Haus besprochen, wir sitzen auch gemütlich zusammen und reden über uns“, erzählt Gerda Blaschke.

Im Sommer ist ihr Lieblingsplatz auf dem Balkon. „Natürlich ist es da nicht ganz leise. Aber mich stört der Kinderlärm nicht“, sagt die Lehrerin für Französisch und Spanisch.

AGleise
 Eine andere Sorte Lärm stört sie aber durchaus. Nur wenige Meter von ihrem Wohnküchenfenster entfernt fahren die Züge über die Sternbrücke. „Es sind etwa 1000 am Tag, am schlimmsten sind die Güterzüge und die alten S-Bahnen“, sagt Gerda Blaschke. Gemeinsam mit anderen hat sie die Arbeitsgruppe „AGleise“ gegründet.

Ihre Forderung: „Wir verlangen von der Bahn, dass sie hier eine Langsamfahrstrecke einrichtet und Lärmschutzwände errichtet.“

Ob sie die Wohnung gekauft hätte, wenn ihr das Ausmaß des Lärms klar gewesen wäre? „Vielleicht nicht“, sagt Gerda Blaschke. „Ich wusste zwar, dass ich in eine laute Umgebung ziehen würde, aber ich bin davon ausgegangen, dass ichdank Schallschutzfenstern in der Wohnung Ruhe haben würde.“ Der Straßenlärm stört sie weniger als die Züge. Mit der Stresemannstraße und der Max-Brauer-Allee führen zwei Hauptverkehrsachsen dicht an ihrem Haus vorbei, doch bei geschlossenen Fenstern hält sich der Autolärm im 3. Stock in erträglichen Grenzen. Offensichtlich halten ihn die Schallschutzfenster besser ab als den Zuglärm.

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Interviews – Tina Stadlmayer

KORDULA BOTTA,
 die ein Stockwerk unter Gerda Blaschke wohnt, hat kaum Probleme mit dem Lärm, denn ihre Wohnung ist nach Nordwesten ausgerichtet. Die Architektin genießt die schöne Aussicht auf den grünen Hinterhof und freut sich über ihre hellen und freundlichen Räume. Sie ist ebenfalls 2002 in das Projekt eingestiegen, weil sie gerne in einer Hausgemeinschaft wohnen wollte. Heute ist sie froh über die „supernette Gemeinschaft“.

Sie findet es schön, dass in einem der Häuser behinderte Menschen wohnen, „die hier ganz selbstverständlich dazugehören“.

Allerdings: Aufgrund der kostengünstigen Bauweise sei die Qualität der Bausubstanz nicht übermäßig hoch, meint Kordula Botta. Und die mühsame und lange dauernde Mängelbeseitigung sei vielen Bewohnern auf die Nerven gegangen.

Kordula Botta genießt es, zu Fuß zu ihrer nahegelegenen Arbeitsstelle gehen zu können. Mittags oder abends geht sie gerne im Schanzenviertel essen. „Es gibt hier eine riesige Auswahl an Kneipen und Restaurants. Das finde ich wunderbar“, schwärmt sie.

Leider verändere sich das Viertel nicht zu seinem Vorteil: „Die Preise steigen und alle verkaufen das Gleiche. Es gibt jede Menge Brillenläden und Coffee-Shops, aber keinen Fischladen und keinen Fleischer mehr.“

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Interviews – Tina Stadlmayer

In Haus 4 leben 19 Menschen mit Behinderungen
 Arne Hauschild, Maike Hehlen, Johannes Plomitzer und Yvonne Lange wohnen in Haus 4, betreut von „Leben mit Behinderung Hamburg“

Das Konzept der Hausgemeinschaft hat „Leben mit Behinderung Hamburg“ entwickelt: Acht Wohnungen sind an Einzelpersonen vermietet und in zwei Wohngruppen leben je drei bis vier Personen zusammen. Das Büro der Mitarbeiter ist zwar im Haus, aber nicht innerhalb der Wohngruppen. Deshalb ist auch dort ein eigenständigeres Leben als in anderen Wohngruppen möglich. In den Gemeinschaftsräumen treffen sich die Hausbewohner zum Reden, Feiern, Essen und zu anderen Aktivitäten. Die Mitarbeiter des Hausteams unterstützen die Bewohner in Zusammenarbeit mit Pflegediensten bei der Haushaltsführung und der Gestaltung des Alltags.

 Arne Hauschild geht als Interessenvertreter auch zu den Treffen des Max-B Forums, bei denen Vertreter aller Häuser zusammenkommen, die zum Wohnbauprojekt Max-B gehören. „Dort besprechen wir, was gerade anliegt. Es sind immer alle freundlich, das ist sehr angenehm“, erzählt er. Ab und zu besuchen einige Bewohner von Haus 4 auch das Café, das ebenfalls zum Wohnbauprojekt gehört. „Dort unterhalten wir uns mit den anderen Gästen. Das ist sehr schön für uns“, sagt Arne Hauschild.

Johannes Plomitzer sitzt auch im Rollstuhl. Der redegewandte junge Mann freut sich über sein eigenes Zimmer: „Es ist schön, einen eigenen Bereich zu haben, in dem man nicht gestört wird.“ Natürlich gebe es in Haus 4 auch mal Reibereien unter den Bewohnern, aber meistens verstünden sich alle ganz gut.

Johannes Plomitzer war auch schon mal gegenüber in der Diskothek „Waagenbau“. „Da habe ich einen Hip-Hop-Künstler gesehen. Das war toll“, erzählt er.

Für die beiden Rollstuhlfahrer ist es wichtig, dass das gesamte Haus barrierenfrei gebaut ist. Mit dem Lift kommen sie in jedes Stockwerk. In allen Badezimmern gibt es behindertengerechte Duschbäder.

 Yvonne Lange fühlt sich ebenfalls wohl in Haus 4. „Ich habe mich in die Hausgemeinschaft gut eingelebt“, sagt sie. „Zu den Leuten in den anderen Häusern sage ich ‚Guten Tag‘, wenn ich sie sehe, und beim Sommerfest haben wir gegrillt und getanzt“, erzählt die zierliche Frau und lächelt.

 DIE SCHREIBWERKSTATT "TOLLE WORTE"

Feine Lesehäppchen von Menschen mit Handicaps „Tolle Worte“ ist eine Schreibwerkstatt, in der sich schreibbegeisterte Menschen mit körperlichen und geistigen Handicaps treffen, ihre Fantasie schweifen lassen oder aus ihrem Leben in Hamburg berichten.

Die ungewöhnlichen, erfrischenden und herzerwärmenden Texte der Autoren werden auf dem Blog www.tolle-worte.de veröffentlicht. Mittlerweile haben die zehn Autoren unzählige Geschichten, Berichte und Gedichte ins Netz gestellt. Alle zwei Wochen gibt es neue Texte im Blog – frisches Lesefutter für die kleine Literatur-Pause zwischendurch.

Die Idee
 „Tolle Worte“ ist ein Projekt von „Leben mit Behinderung“. Das Besondere an der Schreibwerkstatt ist, dass hier Menschen zu Wort kommen, die es sonst so nicht können. Sie melden sich zu ihren Themen mit einer eigenen Stimme und einer eigenen Position und überlassen es nicht anderen, für sie zu sprechen oder zu handeln.

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Interviews – Tina Stadlmayer

Mirjam Rademacher hat Wohnung und Praxis unter einem Dach

Die Logopädin Mirjam Rademacher lebt mit ihrem Mann und den vier Kindern in Haus 8 und hat dort auch ihre Praxis

<>„Um sechs Uhr abends spielen im Sommer noch die Kinder draußen, ab acht wird es leise und man hört vereinzelt das Ploppen einer Weinflasche, die geöffnet wird – das ist das Geräusch des Feierabends“, erzählt Mirjam Rademacher. Wenn sie im Sommer auf der Terrasse sitze und ihre Schwester von nebenan herüberkommt, fühle sie sich „wie im Urlaub“. Manchmal denkt sie dann: „Mein Gott, haben wir es gut.“

Die Logopädin und ihr Mann Ulf Schönert sind 2006 in das Wohnbauprojekt eingezogen. Kurz darauf kam ihr viertes Kind zur Welt. „Nur durch diese Wohnsituation haben wir uns getraut, noch ein Baby zu bekommen“, sagt sie. Vier Kinder und den Job bekommt sie unter einenHut, weil ihre Praxis nur zwei Stockwerke über der Wohnung liegt. Arbeitsalltag und Privatleben lassen sich wegen der kurzen Wege gut verbinden.

In der großen Wohnung der Rademachers schlafen auf der einen Seite die Eltern und der dreijährige Max, auf der anderen Seite sind die Zimmer von Marie (12), Emma (10) und Jakob (5).

Fast alle Zimmer haben einen Blick zum Hof, die Wohnung ist hell und im Sommer scheint die Sonne bis abends in den Garten“, schwärmt Mirjam Rademacher.

Die beste Freundin von Marie lebt im selben Haus. „Für beide Kinder ist es schön, dass sie sich so einfach besuchen können“, sagt Mirjam Rademacher.

Sie und Maries Eltern kennen sich schon lange. Mirjam Rademacher hatte vor einigen Jahren im Kinderhaus von dem geplanten Wohnprojekt erzählt und einige befreundete Eltern dafür gewinnen können.

Obwohl sie sich inzwischen schon lange kennen, treffen sich die Familien nicht so häufig. Kein Wunder, die meisten haben mehrere Kinder und sind voll berufstätig.

In Haus 8 geht es außerdem etwas weniger familiär zu als in den anderen, weil hier auch Praxen und Büros sind. Der Gemeinschaftsraum wird nur ab und zu für Geburtstags-feiern genutzt.

Mit Grauen erinnert sich Mirjam Rademacher an die Zeit des Einzugs: „Weil das Haus später fertig wurde als geplant, dröhnten den ganzen Tag die Presslufthammer. Ich war hoch-schwanger, konnte wegen der Kinder nachts nicht schlafen und tagsüber auch nicht.“

Mirjam Rademacher findet es schade, dass das Café, das neben ihrer Wohnung liegt, kein Nachbarschaftstreff geworden ist, in dem Familien gemeinsam zu Mittag essen. Stattdessen treffen sich dort die Party-People aus der Gegend, um zu feiern oder gemeinsam Fußball zu schauen.

Nach so mancher lauer Sommernacht kann die Logopädin am nächsten Morgen leere Weingläser auf ihrem Fensterbrett einsammeln.

Einerseits verflucht sie manchmal die lauten Kneipengäste, andererseits genießt sie es, mitten im Schanzenviertel zu wohnen: „Abends gehen wir schon mal aus und am Mittwochvormittag hat mein Mann frei. Da gehen wir gemütlich zum Kaffee trinken und Zeitung lesen ins Haus 73 am Schulterblatt.“

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Interviews – Tina Stadlmayer

 Marcus Schwarz und Hans-Jürgen Döring leben in Haus 7, in dem Nussknacker e.V. Menschen mit psychischen Erkrankungen betreut.

 Marcus Schwarz lebt in einer Wohnung, die er selbst mit Hilfe von Nussknacker e.V. gemietet hat. Er sitzt auf seinem bequemen Sofa inmitten selbst gezimmerter Möbel und seinen vielen Büchern und Zeitschriften.

Früher hat Marcus Schwarz in einem Heim für psychisch Kranke gelebt. Hier im Wohnprojekt Max-B fühlt er sich wohler.

Hilfsbereit wie er ist, geht er ab und zu für seinen Nachbarn aus dem Erdgeschoss, der im Rollstuhl sitzt, einkaufen. Wenn irgendwo in der Wohnanlage eine Lampe oder etwas anderes kaputt ist, wenden sich die Bewohner erst einmal an Marcus Schwarz. Meistens kann der Bastler den Schaden beheben.

Hans-Jürgen Döring wohnt in Haus 7. In seiner Wohnküche mit der modernen Couchecke fühlt er sich ziemlich wohl: „Für eine Sozialwohnung ist es hier wunderschön.“ Er habe auch Kontakt zu den Nachbarn in den anderen Häusern. „Sylvester habe ich im Nachbarhaus gefeiert. Das war lustig“, erzählt Döring. Einmal im Monat kochen und essen die Bewohner gemeinsam, alle 14 Tage findet ein Haustreffen statt, auf dem Organisatorisches besprochen wird.

Im Rahmen der Einzelbetreuung kommen die Betreuer von Nussknacker e.V. und helfen ihren Klienten zum Beispiel bei der Medikamenteneinnahme.

Hans-Jürgen Döring genießt es, im Schanzenviertel zu wohnen: „Die Gegend hat Flair. Ich gehe hier gerne mal einen Kaffee trinken.“

Eigentümerin von Haus 7 ist die Baugenossenschaft Schanze e.G., mit der der Nussknacker e.V. einen Vertrag abgeschlossen hat. Schanze e.G. verpflichtet sich darin, den Klienten, die der Nussknacker e.V. vorschlägt, einen Mietvertrag zu geben.

 Nussknacker e.V.
 Joachim Schwerdtfeger, geschäftsführender Vorstand von Nussknacker e.V. nennt das Konzept seiner Einrichtung „Community Living“: „Das bedeutet gemeinsames Wohnen, Leben, sich gegenseitig helfen und Kontakt haben“, erläutert er.

Die meisten Bewohner von Haus 7 seien nicht berufstätig und hätten deshalb Zeit, ihren beruflich eingespannten Nachbarn zu helfen. Eine Bewohnerin gieße zum Beispiel gegen Bezahlung die Blumen in einer Praxis in der Nachbarschaft, wenn die Besitzerin in Urlaub ist.

Nicht immer funktioniert die Idee reibungslos: Zwei Klienten von Nussknacker e.V. waren zum Beispiel in einem anderen Haus für die Treppenreinigung zuständig. Diese Aufgabe haben sie aber wieder abgegeben, weil es Schwierigkeiten gab.

Insgesamt fühlten sich die meisten Bewohner von Haus 7 im Wohnbauprojekt Max-B aber sehr wohl. Die Wohnungen seien sehr begehrt, auch weil es viel zu wenig betreuten Wohnraum für psychisch Kranke in Hamburg gebe, berichtet Joachim Schwerdtfeger.

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Interviews – Tina Stadlmayer

 Sabine Volkhard, ihr Sohn Jan Volkhard und die Enkelkinder wohnen in Haus 6 zusammen auf einer Etage.

 Sabine Volkhard, Jan Volkhard, Emily (10) und Helene (8)

Drei Generationen inklusive Hündin Dila wohnen auf einer Etage, Haustür an Haustür – wobei die Türen meistens offen stehen, sich die Mädchen zwischen den Wohnungen frei hin- und herbewegen, gemeinsam gegessen wird und Mutter und Sohn abends bei einem Glas Wein den Tag Revue passieren lassen. Für Jan, vollberufstätiger Erzieher, ein großes Glück. Denn ohne die stets einsatzbereite Oma wäre der Alltag nur schwer zu meistern. Im Gegenzug schultert der Sohn den Werkzeugkoffer und glänzt im ganzen Haus mit handwerklichem Geschick. Zudem ist er auf den alljährlichen Sommerfesten gern gesehen, wenn er mit den Kindern singt und Gitarre spielt.

Die im Wohnprojekt Max-B einzigartige Mutter-Sohn-Konstellation bedeutet jedoch nicht, dass sich die Familie aufeinander beschränkt. Sie nimmt aktiv am Leben im Wohnprojekt teil. Es gibt Bringgemeinschaften zur Schule, ältere Mitbewohner springen kurzfristig als Babysitter ein, und es stehen auch mal zwei Baby-Phone aus der unteren und oberen Etage auf dem Wohnzimmertisch.

  Sabine Volkhards Wunsch ist es, in der Großstadt eine kleine Oase zu schaffen, in der sich Alt und Jung wohlfühlen. So kümmert sie sich um die Begrünung des Innenhofs und organisiert zum Beispiel Kinder-Workshops, in denen Vogelnisthilfen gebaut werden und der Umgang mit Hunden geübt wird.

Ihr Sohn Jan ist froh, mitten im Schanzenviertel zu leben: „Es ist ein tolles buntes Leben hier.“ Alles befindet sich in unmittelbarer Nähe: der Arbeitsplatz, eine bunte Mischung von kleinen Läden, Restaurants und Straßencafés sowie kulturelle Einrichtungen. Auch die Kinder Helene und Emily wohnen gerne hier. Beide haben Freundinnen im Projekt, die Wege zum Kinderladen in Eimsbüttel und zur Grundschule Ludwigstraße sind nicht weit. „Es ist eine Kindheit wie früher“, schwärmt Jan Volkhard: „Sie spielen draußen im Hof mit ihren Freunden und kommen irgendwann zum Abendessen wieder rein. Wenn ich ihnen beim Spiel zuschaue, weiß ich, warum ich hier eingezogen bin.“

2003 hatten Freunde Jan Volkard vom geplanten Wohnbau-projekt Max-B erzählt. Er ging zum Treffen im Büro der Architektin Iris Neitmann und überzeugte seine Mutter von der Idee, zwei Wohnungen zu kaufen. „Frau Neitmann hat uns Mut gemacht, den Kredit aufzunehmen. Sie meinte, es sei günstiger zu kaufen als zu mieten“, berichtet Jan Volkhard. Auch Sabine Volkhard bereut die Entscheidung nicht: „Ich gehe am Sonntagmorgen gerne mit meinem Hund bis zum Fischmarkt, kaufe dort Krabben, trinke einen Kaffee und spaziere wieder zurück“.

 MAX-Bler ERZÄHLEN

Interviews – Tina Stadlmayer

 Andrea Kolthoff wohnt mit ihrem Mann Martin Link und den zwei Kindern Laurenz (9) und Lilli (6) in Haus 3.

 Andrea Kolthoff erzählt, und Haus 3 spielt und feiert

„Wir konnten den Wohnungsgrundriss nach unseren Wünschen gestalten. Das war ein entscheidender Beweggrund, in dieses Projekt einzusteigen“, sagt das Architektenpaar: „Frau Neit-mann hat unsere Entwurfsskizzen in ihre Planung eingefügt.“ Auf die Gebäudehülle konnten sie jedoch keinen Einfluss nehmen: „Wir kannten Frau Neitmanns Architektur und waren damit einverstanden.“

Bei der Farbgestaltung wurde es dann noch mal schwierig. Erst nach langen Diskussionen haben sich die Bewohner der Häuser auf ein Farbkonzept geeinigt. „Ich habe von Frau Neitmann eigentlich einen Entwurf für die farbliche Gestaltung erwartet. Die einzelnen Baugemeinschaften anzuregen, sich ihre Wunschfarbe auszusuchen, ist kein sinnvoller Weg zum Ziel und überschreitet das Maß der möglichen Individualität in einem solchen Projekt“, kritisiert Andrea Kolthoff.

Die Erdgeschoss-Wohnung der Familie Kolthoff besteht aus einer großen, hellen Wohnküche, Schlafzimmer und den Kinderzimmern. „Es ist traumhaft, aus jedem Zimmer in einen begrünten Hof zu schauen, und es ist schön, dass die Kinder spontan zum Spielen rauslaufen können“, sagt die Architektin. „Am Wochenende können wir in Ruhe frühstücken, während die Kinder längst draußen sind.“ Die Wohnküche ist zum Innenhof ausgerichtet, vom Lärm der Max-Brauer-Allee ist hier kaum etwas zu hören. „Dieser Innenhof ist eine kleine grüne Oase mitten in der Stadt“, schwärmt Andrea Kolthoff.

Aber: Im Nordgarten ist es sehr laut, denn zur Max-Brauer-Allee hin gibt es keinen Lärmschutz. „Das eigens erstellte Lärmschutzgutachten hat uns empfohlen, den Lärm durch entsprechende Begrünung einzudämmen.

Die umgesetzten Maßnahmen haben leider nicht den gewünschten Erfolg gebracht“, berichtet die Architektin.

Stressig ist der Lärm unter der Sternbrücke, die Andrea Kolthoff jeden Morgen mit ihren beiden Kindern auf dem Weg zur Schule und zum Kindergarten mit dem Fahrrad durchfährt: oben donnern die Züge, unten die Lastwagen.

Trotz des etwas gewöhnungsbedürftigen Standorts ist die Familie froh, im Wohnbauprojekt Max-B zu leben: „Die Kinder können sich hier sehr frei bewegen. Sie besuchen sich gegenseitig, ohne Verabredungen treffen zu müssen.“

So haben die Kolthoffs manchmal volles Haus, dafür sind an anderen Nachmittagen alle ausgeflogen. Die Nachbarkinder im Teenageralter lassen sich kurzfristig als Babysitter für die Kleineren engagieren – so können Martin Link und Andrea Kolthoff auch mal gemeinsam abends ausgehen.

Auch über die Hausgemeinschaft kommt Andrea Kolthoff ins Schwärmen: „Es gibt sehr schöne spontane Feste und wer Lust hat, macht einfach mit.“ An Sylvester haben die Bewohner im Eingangsbereich des Treppenhauses eine lange Tafel aufgebaut und dort gefeiert. Während der Europameisterschaft haben sie im Gemeinschaftsraum zusammen die Spiele angeschaut.

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