Neues aus London

Rotherham ist überall: Über 1400 Jugendliche wurden regelmäßig vergewaltigt – und Polizisten und Sozialarbeiter schauten weg.

27.08.2014

Es ist ein Skandal von unglaublichem Ausmaß: Mindestens 1400 Jugendliche wurden in den vergangenen 16 Jahren im nordenglischen Rotherham regelmäßig vergewaltigt – Polizisten und Sozialarbeiter wussten davon, aber unternahmen so gut wie nichts dagegen. In den Medien gab es in den letzten Jahren immer wieder Berichte darüber, aber das ganze Ausmaß des Missbrauchs ist jetzt erst durch einen Untersuchungsbericht bekannt geworden.

Die meisten Opfer waren englische Mädchen aus ärmeren Familien, die Mehrzahl der Täter Männer pakistanischer Abstammung. „Die Opfer wurden entführt, geschlagen und eingeschüchtert. Die Kinder wurden mit Benzin übergossen und ihnen wurde gedroht, sie anzuzünden. Sie mussten sich grausame Vergewaltigungen ansehen, Ihnen wurde gedroht, als Nächste dran zu sein. Bereits 11jährige wurden von einer großen Zahl von Männern vergewaltigt“ sagte die Autorin des Berichts, Sozialforscherin Alexis Jay. Es habe immer wieder Anzeigen gegeben – meist ohne Folgen, die Berichte seien ignoriert oder zurückgehalten worden. Jay warf den Behörden vor, den Mädchen nicht geholfen zu haben, „weil es Vorurteile gegen arme Familien gab.“ Zeugen, die auf Asiaten als mutmaßliche Täter hinwiesen, seien als Rassisten abqualifiziert worden.

Auch die Journalistin Sue Reid von der Boulevardzeitung Daily Mail berichtete, dass sie als Rassistin beschimpft wurde, weil sie über die Vergewaltigungen durch asiatische Männer geschrieben hatte. Es ist entsetzlich, dass jahrelang Hunderte von Jugendlichen missbraucht wurden und Polizei und Sozialarbeiter aus falsch verstandener Political Correctness die Täter gewähren ließen – und die Schuld zum Teil den Opfern zuschoben.

Finden systematische Vergewaltigungen wie in Rotherham auch anderswo statt? Mit Sicherheit. Alexis Jay geht jedenfalls davon aus, dass der Missbrauch Minderjähriger durch erwachsene Männer weit verbreitet ist. Es ist ein perfides System, das dahinter steckt: Auf ähnliche Art und Weise machen sich Zuhälter auf der ganzen Welt Mädchen gefügig: Sie umgarnen sie, machen ihnen Geschenke, erzählen ihnen, dass sie sie lieben, verteilen Drogen und Alkohol. Oft halten die Mädchen den Zuhälter für ihren Freund und lieben ihn auch dann noch, wenn er sie schlägt und ihnen das Geld abnimmt. Im Kultwerk West in Hamburg erzählte vor einigen Jahren eine ehemalige Prostituierte, dass es ihr und vielen Leidensgenossinnen genauso ergangen sei.

Eines der Opfer aus Rotherham berichtete in der BBC: „Ich habe sie für meine Freunde gehalten – bis zu der Nacht, als der Anführer mich vor einer Reihe anderer Personen brutal vergewaltigt hat. Von da an wurde ich einmal pro Woche vergewaltigt, und jeder, der dafür bezahlte, konnte Sex mit mir haben.“ Das 13-jährige Mädchen ging zur Polizei, brachte Ihre Kleider als Beweisstücke mit. Die Kleider gingen auf der Wache verloren und die Polizei sagte, sie könne sie nicht beschützen. Anderen Opfern glaubten die Polizisten nicht, weil die Mädchen betrunken waren, oft warfen sie ihnen vor, die Vergewaltigungen provoziert zu haben – diese Argumentation kennen wir aus vielen deutschen Vergewaltigungsprozessen. Mütter berichteten in der BBC, sie hätten versucht, ihre Töchter nachts einzusperren, um sie vor ihren Peinigern zu schützen. Daraufhin hätten die Männer, sämtliche Familienangehörige bedroht. Fest steht, dass die grausamen Vergewaltigungen das Leben vieler Mädchen zerstört haben. Eine junge Frau sagte: „Diese Verbrechen haben mich kaputt gemacht, ich werde diese Taten nie vergessen. Dass sie jetzt ans Licht kommen, ändert nichts mehr. Diese Verbrechen hätten gestoppt und verhindert werden müssen.“ Ein andres Mädchen erzählte, sie dachte, es gehöre zum Erwachsenwerden dazu, regelmäßig vergewaltigt zu werden.

Inzwischen haben sich zahlreiche Politiker und Polizisten für ihr Versagen entschuldigt, der Ratsvorsitzende von Rotherham ist zurück getreten. Aber der Polizeichef von Süd Yorkshire, der bis vor einigen Jahren für den Jugendschutz in Rotherham zuständig war, klebt noch immer an seinem Posten.

 

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Tina Stadlmayer / Diplom-JournalistinTina Stadlmayer RSS Feed Tina Stadlmayer auf Twitter

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