Neues aus London

Eine Woche in der Findhorn-Communitiy, einem der ältesten Öko-Dörfer der Welt

27.04.2015

Whiskey-Barrel-Haus

Whisky-Barrel-Haus

Eine Woche lang war ich auf einem Rohkost-Workshop in der Findhorn-Community im Norden Schottlands. Eine prima Gelegenheit, eines der ältesten Öko-Dörfer der Welt kennen zu lernen. Die Community rühmt sich, "einen der niedrigsten ökologischen Fußabdrucke in der industriellen Welt" zu haben.  Seit den Siebziger Jahren hat die  Gemeinschaft am Rande des ehemaligen Fischerdorfes Findhorn  tausende Hippies und New-Age-Anhänger angezogen.  Heute reisen vor allem an Ökologie, Spiritualität und Gemeinschaftsleben  interessierte Menschen in das schottische Alternativ-Dorf.

Wir sind mit unserer Workshop-Leiterin Sheila über die Wiesen gestreift und haben essbare Blätter und Kräuter eingesammelt. Martin von der Garten-Abteilung  erzählte uns, dass er gemeinsam mit freiwilligen HelferInnen  Gemüse und Obst für die Gemeinschaft anbaut -  natürlich ohne den Einsatz von Pestiziden und künstlichem Dünger.  Das Küchen-Team verarbeitet  die Produkte  zu leckeren vegetarischen Mittagessen und Abendmahlzeiten.  

Der Gemüsegarten ist ein kleines Paradies.  Zwischen den Beeten stehen Bänke und eine Gartenlaube, glückliche Hühner laufen herum.  Vom Gemüsegarten führt ein Weg durch die Dünen zum Sandstrand, der sich kilometerlang vom Ort Findhorn nach Westen erstreckt. Für unser Rohkost-Mittagessen fanden wir auf den Felsen grüne Algen. Später haben wir sie getrocknet und unter den Salat gemischit.

Das Öko-Dorf ist in den vergangenen Jahrzehnten stetig gewachsen. Neben alten  Holzhäusern aus den 60ger Jahren - einige von ihnen wurden aus Whiskey-Tanks gebaut -  stehen heute unterschiedlich gestaltete Energiespar-Häuser mit Solarzellen auf dem Dach.  Im Norden  ist eine neue Reihenhaussiedlung entstanden, eine weitere ist im Bau. Das Zentrum des Öko-Dorfes bilden das Community Center mit  Küche und  Essräumen und die Universal Hall, ein Rundbau, in dem Theaterstücke, Konzerte und Tanzveranstaltungen stattfinden. Daneben gibt es: mehrere liebevoll gestaltete Meditationsräume,  ein heißes Freiluft-Bad, die Kunstgallerie, die Töpferei, die Pflanzenfarben-Druckerei,  ein Café, eine Crèperie  und einen kleinen Laden mit Lebensmitteln und Büchern.

An meinem zweiten Findhorn-Tag  gehe ich nach dem Rohkost-Frühstück zur öffentlichen Morgenmeditation. Auf ihrem Stammplatz neben der Tür sitzt Dorothy  Maclean, die vor 55 Jahren die Community  mitgründet hat. Die 95 Jahre alte,  rüstige Dame hat viele Jahre in Amerika gelebt und ist vor einiger Zeit nach Findhorn zurück gekehrt. 

1962 zogen Eileen und Peter Caddy mit ihren drei Kindern und ihrer Freundin Dorothy auf den damaligen Campingplatz am Rande des Fischerdorfes Findhorn".  Der kleine grüne Wohnwagen in dem sie damals lebten, steht immer noch in der Mitte des Öko-Dorfes und wird heute als Büro genutzt. Sie legten einen Gemüsegarten an, in dem erstaunlich große Kohlköpfe wuchsen. Die Gemeinschaft zog immer mehr spirituell interessierte Menschen an.  Ihre Mitglieder bauten Wohnhäuser, ein kleines Meditationsgebäude und einen Essensraum.  Sie kauften den Campingplatz und das nahegelegene Cluny Hill Hotel. In dem großen, altmodischen Gebäude finden heute Seminare und Workshops statt.

Zur morgendlichen Teepause an meinem dritten Tag bin ich bei Craig Gibsone eingeladen. Craig kam Ende der Sechzigerjahre nach Findhorn . Er wohnt in mehreren runden, etwa fünf Meter hohen Whiskey-Fässern,  die miteinander verbunden sind.  Was der unabhängige Geist an Findhorn besonders mag: "Hier gibt es keine Doktrin. Menschen aller Religionen kommen zusammen und tolerieren sich. Was uns eint, ist der Respekt und die Fürsorge für die Menschen und die Natur."

 Yasko, eine der beiden Leiterinnen unseres Rohkost-Workshops,  fühlt sich in Findhorn zu Hause. Die 46jährige Grafik-Designerin hatte vor zehn Jahren  in Japan ein Buch über die  Gemeinschaft gelesen und wusste danach,  wo sie hin wollte. Inzwischen ist sie Geschäftsführerin der Universal-Hall. "Wo immer ich innerhalb der Community hingehe, treffe ich Menschen mit denen ich gute Gespräche führen kann", schwärmt sie.

Den Südafrikaner Geoff Dalglish hat der niedrige ökologische Fußabdruck  des Öko-Dorfes angezogen. "Ich wollte wissen, wie die das machen", erzählt der 66-Jährige."Als ich zum ersten Mal nach Findhorn kam und erlebte, wie sich beim Morgenkreis alle an den Händen halten, da habe ich das kaum ausgehalten", sagt Geoff und grinst: "Inzwischen liebe ich es." Wenn er nicht gerade auf Wanderschaft ist, organisiert er die Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinschaft. 

Geoff hält auch Kontakt zu den örtlichen Gemeinde-Politikern: "Sie haben verstanden, dass wir hier wichtige Arbeit leisten und unterstützen uns finanziell." Bis zu 4000 Leute besuchen jedes Jahr die Findhorn-Workshops, dazu kommen viele Tagesgäste. "Wir sind inzwischen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Gemeinde", sagt Geoff.  Früher, so der ehemalige Rennfahrer, hätten die schottischen Nachbarn die Findhorn-Community als  Hippie-Kommune abgetan. "Inzwischen wissen die meisten, dass wir hier sinnvolle Sachen machen und Gäste aus aller Welt  anziehen."

Während wir uns unterhalten, füllt sich der Essenraum im Community Center.  Es ist Freitagabend und das üppige Buffet wird heute durch die Kreationen unseres Rohkost-Workshops ergänzt: Es gibt Zucchini-Streifen, die wie Spaghetti aussehen und mit einer rohen Tomatensauce gereicht werden, Hummus aus Kichererbsensprossen,  Veggie-Burger aus Karotten und Mungosprossen, Algenkekse und Rohkost-Käse aus fermentierter Walnuss-Nuss-Paste.  Vielen Community-Bewohnern schmecken die ungewohnten Gerichte oder sie finden sie zumindest "interessant".  Das Schöne an Findhorn ist, dass nichts dogmatisch gesehen wird. Deshalb wundert sich auch niemand, dass die TeilnehmerInnen der Rohkost-Woche mit großem Appetit die heiße Suppe, die Lasagne und die Schokoladentorte vom Buffet  vertilgen. 

 

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Tina Stadlmayer / Diplom-JournalistinTina Stadlmayer RSS Feed Tina Stadlmayer auf Twitter

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